Alternative Mobilitätsformen: Alternativ wozu eigentlich?
Fahrrad fahren, den Bus nehmen, ein Lastenrad leihen – all das wird heute unter dem Begriff „alternative Mobilitätsformen“ zusammengefasst. Der Begriff ist mittlerweile fest in unserem Sprachgebrauch. Dabei verrät er mehr über unser Stadtverständnis als über die Verkehrsmittel selbst: Was als „alternativ“ gilt, ist das, was vom Normalzustand abweicht. Und der Normalzustand in diesem Fall ist – noch immer – das Auto.
Warum überhaupt „alternativ“?
Diese Denkweise ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen Planung, die das Auto systematisch ins Zentrum stellte. Der Mobilitätsforscher Marco te Brömmelstroet und sein Team sprechen in diesem Zusammenhang von einer „rhetorischen Schließung“: Über Jahre hinweg haben Politik, Ingenieurswesen und Industrie dafür gesorgt, dass Begriffe wie Effizienz, Geschwindigkeit und Kosteneffektivität den Mobilitätsdiskurs dominieren – während andere Werte ausgeklammert blieben. Diese Narrative wurden in Verkehrsgesetzen, Designrichtlinien und Institutionen verankert. Die Folge: Selbst heutige Strategien für eine Mobilitätswende bauen auf diesem autozentrierten Gerüst auf, ohne es grundlegend zu hinterfragen.
Wir sprechen also deshalb von alternativen Mobilitätsformen, weil sie vom Standard Auto abweichen.
Was sind „alternative Mobilitätsformen“ überhaupt?
Unter dem Begriff werden alle Verkehrsangebote jenseits des privaten Pkw zusammengefasst. Dazu gehören:
- Zu-Fuß-Gehen und Radfahren – die emissionsfreiesten Formen der Fortbewegung
- Öffentlicher Personennahverkehr – Bus, Straßenbahn, U- und S-Bahn
- Sharing-Angebote – Carsharing, Fahrradverleih, E-Scooter-Sharing
- Mikromobilität – E-Bikes, Pedelecs, Lastenräder, Tretroller, Segways
- On-Demand-Verkehr – flexible, digital buchbare Fahrdienste ohne festen Fahrplan
Laut der aktuellen Studie „Mobilität in Deutschland“ (MiD 2023) werden 26% aller Wege bundesweit ausschließlich zu Fuß zurückgelegt, 11% mit dem Fahrrad und 11% mit dem öffentlichen Verkehr. Zusammen erreichen diese Verkehrsarten damit den gleichen Wegeanteil wie Fahrten mit dem Pkw.
Mobilität ganzheitlich denken
Für namowo ist diese begriffliche Debatte kein Randthema. Sie hat direkte Auswirkungen darauf, wie wir unsere Arbeit verstehen. Wir entwickeln Mobilitätskonzepte für Wohnungsbauprojekte, und die entscheidende Frage lautet für uns nicht: Wie ersetzen wir die Pkw-Stellplätze, die wir wegnehmen? Sondern: Welche Mobilitätsangebote werden an diesem Standort tatsächlich gebraucht?
Das klingt wie eine kleine Verschiebung, ist aber ein grundlegend anderer Ausgangspunkt. Wer vom Auto her denkt, optimiert auch rund um das Auto. Wer vom Bedarf der Nutzenden denkt, fragt zuerst: Wer lebt hier? Wie sind die Menschen unterwegs? Welche Ziele müssen sie erreichen? Was fehlt vor Ort? Welche Angebote passen zum Standort und können dauerhaft funktionieren?
Mobilität ist dabei kein isoliertes Thema, sondern ein integraler Bestandteil des Wohnungsbaus. Ein Stellplatz weniger ist keine Einsparung, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner dadurch eingeschränkt werden. Ein Carsharing-Angebot ist kein Mehrwert, wenn es nicht zur tatsächlichen Nachfrage passt. Gute Mobilitätskonzepte sind deshalb immer individuell – abgestimmt auf den Standort, die Zielgruppe und die lokale Infrastruktur.
Wenn wir aufhören, das Auto als Ausgangspunkt zu nehmen, und stattdessen mit dem Bedarf beginnen, dann brauchen wir den Begriff „alternativ“ vielleicht bald nicht mehr. Dann sind Fahrrad, Bus und zu Fuß gehen einfach das, was sie sind: Mobilität.
Quellen
Brömmelstroet et al. (2022): Framing future mobility. How narratives of the past shape the debates of today. In: Transport Reviews
Mobilität in Deutschland (MiD 2023)
BBSR (2015): Neue Mobilitätsformen und Stadtentwicklung
